Es war einmal ein kleines Mädchen, 
das lag in seinem Bett und konnte nicht einschlafen. 
Es sah zum Fenster, ob nicht noch ein wenig von der 
Sonne oder vom Himmel zu sehen war. 
Aber hinter dem Fenster war es dunkel.
Die Nacht ist so schwarz, sagte das Mädchen, ich fürchte mich. 
Das hörte eine Wolke, die gerade vorüberflog. 
Sie flog ins Zimmer und setzte sich zu dem Mädchen auf die Bettdecke. 
Wer bist du denn? fragte das Mädchen erstaunt und hörte auf zu weinen.

Ich bin die Wolke Isolde und habe dich weinen hören. 
Da dachte ich mir, ich schaue mal vorbei.
Ich fürchte mich so vor der schwarzen Nacht, 
sagte das Mädchen und fing wieder zu weinen an.
Da mußt du dich nicht fürchten. 
Ich werde dir die Geschichte von der dunklen Nacht erzählen, 
sagte die Wolke. 

O ja! Erzähl! bat das Mädchen.

Vor vielen, vielen Jahren, als das Jahr noch keine Jahreszeiten 
und der Tag noch keine Stunden hatte, besaß Frau Erde fünf Kleider. 
Das erste Kleid war hellgrün wie eine Wiese am frühen Morgen. 
Das zweite Kleid war sonnengelb wie ein Kornfeld am Mittag. 
Das dritte Kleid war rot wie die Wange eines Apfels am Nachmittag. 
Das vierte Kleid war veilchenblau wie der Abendhimmel. 
Das fünfte Kleid aber war schwarz wie die Nacht. 
Diese Kleider trug Frau Erde abwechselnd. Mond und Sonne, 
Sterne und Wolken sahen sie darin und freuten sich, 
wie schön und jung Frau Erde in ihren Kleidern aussah. 
Sie gaben den Kleidern Namen. ‘Jetzt kommt das Morgenkleid!’, 
riefen sie, wenn sie das sonnengelbe Kleid trug. 
Zu dem apfelroten Kleid sagten sie Nachmittagskleid und 
zu dem veilchenblauen Abendkleid. ‘Was für wunderschöne Farben!’ 
sagten sie, ‘sie leuchten und leuchten, man möchte sie immerzu ansehen!’ 

Kam aber Frau Erde in dem nachtschwarzen Kleid, 
drehten sie sich weg. 
‘Es ist dunkel und ganz ohne Farben. Wirf es weg!’ rieten sie Frau Erde.
So kam es, daß Frau Erde nur vier Kleider trug. 
Sie trug sie eine lange, lange Zeit. 
Einmal aber kam der Wind zu Frau Erde und sagte: 
’Liebe Erde! Eure Kleider sind schön und gefallen meinen Augen sehr. 
Aber verzeiht, weil ich Euch immer ansehen muß, 
brennen meine Augen und schmerzen. Habt Ihr nicht ein Kleid, 
an dem meine Augen sich ausruhen können?’ 

Ein andermal kamen zwei Wolken und baten: 
Liebe Erde! Ihr seid so schön, und die Farben 
Eurer Kleider leuchten und glänzen. 
Aber verzeiht, Ihr leuchtet und glänzt immerzu, 
uns tränen die Augen vom vielen Schauen. 
Habt Ihr nicht ein Kleid, an dem sich unsere 
Augen ausruhen können?’
Da erinnert sich Frau Erde an ihr fünftes Kleid, 
das nachtschwarz war, und holte es wieder hervor. 
So kam die Nacht. 

Mußt du jetzt fortfliegen? fragte das kleine Mädchen.

Ja, sagte die Wolke. Auf Wiedersehen!

Bleib bei mir, bat das kleine Mädchen, 
und erzähl noch eine Geschichte.
Das geht leider nicht, antwortete die Wolke, 
Aber meine Freundin, die Bettdecke, bleibt bei dir, 
sie weiß noch viele Geschichten. Wenn du unter sie 
kriechst und ganz leise bist, wirst du sie hören.

Das kleine Mädchen rutschte unter die Bettdecke, 
legte sein Ohr dicht daran, und es hörte noch viele Geschichten. 
	
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